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Yachtcharter in der Türkei – Geheimtipp oder Pulverfass?

Seit einigen Jahren gehen die Buchungen zurück. Viele Urlauber sind verunsichert. Ist die Türkei noch ein sicheres Land? Oder wird das Revier aus Protest gegen Recep Tayyip Erdogan boykottiert? segeln-Autor Carl Victor sprach mit Aysegül Inceören von Argos Yachtcharter über die Lage in der Türkei

Putschversuch, Repressionen, Verhaftungen und Terror: Die Türkei fällt besonders durch negative Schlagzeilen auf. Doch wie ist die Lage an den Küsten, in den Buchten und Marinas des Segelreviers? 

Die Lage für Vercharterer in der Türkei ist schwierig. Wie war die Buchungslage bei Argos 2016?
Es war natürlich weniger. Aber wir hatten gute Vorausbuchungen und obwohl sich die Lage verändert hat, gab es kaum Absagen. Im Großen und Ganzen konnten wir mit dem Türkeigeschäft im abgelaufenen Jahr noch zufrieden sein.

Und 2017?
Die Vorausbuchungen sind stark eingebrochen. Wenn sich die Lage nicht ändert, werden wir in der Türkei nur einen Bruchteil des Vorjahresumsatzes erreichen.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für diesen Einbruch?
Natürlich die allgemeine politische Lage. Hinzu kommt ein Gefühl der Unsicherheit, nachdem auch Touristen in den Großstädten durch Unruhen betroffen waren. Auch wollen viele nicht in ein Land reisen, in dem die Meinungsfreiheit zunehmend eingeschränkt wird.

Welche Perspektiven sehen Sie für das Charterrevier Türkei?
Auch wenn es optimistisch klingen mag: Ich sehe die Lage gelassen. Das Segelrevier gehört mit zu den schönsten, die Infrastruktur für Segler ist hervorragend, mit das Beste, was im Mittelmeer geboten wird. Kulinarisch werden die Gäste mit türkischen Spezialitäten sehr verwöhnt. Nicht zu vergessen die Menschen: die sind nach wie vor so freundlich, wie sie immer waren.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach in der Türkei ändern?
Die Lage müsste sich konsolidieren; die Türkei müsste aus den Negativschlagzeilen der Medien herauskommen. Unruhen gibt es auch in anderen Ländern.

Die Beziehungen der EU mit der Türkei sind auf einem Tiefpunkt angelangt. Bekommen das auch Segler zu spüren?
Die Türken sagen zwar ‚Nein‘ zur EU, nicht aber zu den Europäern. So haben viele Segler nichts vom Putsch mitbekommen und erst zu Hause in den Zeitungen davon gelesen.

Ausnahmezustand, strengere Kontrollen, das Auswärtige Amt kann nicht ausschließen, dass eine Ausgangssperre kommt. Gibt es hier bereits Beschwerden von Seglern?
Wir hatten 2016 keine einzige Beschwerde: nicht bei den Flügen und schon gar nicht bei den Törns.

Erdogan spielt, wohl um seine politischen Ziele zu erreichen, auch die islamistische Karte. Führt die zu einer Fanatisierung? Sind davon auch Segler betroffen?
Nein! Und ganz sicher nicht im Segelrevier zwischen Izmir und Antalya.

In einem Restaurant in Istanbuls Stadtteil Ataköy hat man sich geweigert, mir ein Glas Wein zum Essen zu servieren. Könnte das Schule machen?

Sicher nicht an der Südküste. Es könnte aber sein, dass die ohnehin schon sehr teuren alkoholischen Getränke steuerlich noch mehr belastet werden. Schon immer gab es in der Türkei eine Alkoholausschanklizenz. Nur einige durften und dürfen deshalb alkoholische Getränke, wie beispielsweise Wein oder Bier, servieren.

Werden sich auch Segler bald an die Bekleidungsvorschriften des Korans halten müssen?
Bodrum gilt als das Saint-Tropez der türkischen Riviera. Türkische und ausländische Touristen laufen oft im Bikini am Strand herum. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern.

Die Sicherheitslage an der türkischen Riviera und der Ägäisküste ist laut Auswärtigem Amt stabil. Kann wirklich jedes Risiko ausgeschlossen werden?
Ich würde sagen, Ja. Das Leben birgt immer Risiken. Wohin die Reise geht, das kann zurzeit keiner in der Türkei sagen.

Wird die PKK auch wieder touristische Ziele ins Visier nehmen?
Ihre Angriffe richten sich ausschließlich gegen das Militär und die Polizei.

Der Terror des IS hat vor allem religiöse Motive. Sind da Touristen und Segler als Andersgläubige nicht bevorzugte Ziele?
Die wollen töten. Möglichst viele und egal welcher Religion. Für den IS sind daher große Menschenansammlungen in den Städten interessant. Segler sind vereinzelt unterwegs, deshalb kein lohnenswertes Ziel.

Wie sicher sind die Flughäfen in der Türkei?
Nach dem Anschlag auf den Flughafen von Istanbul wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Seither sind sie so sicher, wie in anderen Ländern auch.


Wie sicher sind Marinas, die doch als ‚weiche Ziele‘ gelten?
Türkische Marinas waren noch nie ‚weiche Ziele‘. Sie wurden schon seit Jahren sehr gut bewacht, sowohl im Eingangsbereich als auch innerhalb der Anlagen. Ich sehe kein erhöhtes Risiko.

Wie sicher können sich Segler unterwegs fühlen?
Keiner unserer Kunden hatte bisher ein Problem. Vor Ort sieht eben manches anders aus, als es zu Hause von den Medien dargestellt wird.

Ist man in Straßencafés und Restaurants gefährdet?
Nicht mehr als anderswo.

Wie sollen sich Segler Ihrer Meinung nach im Hinblick auf terroristische Gefahren verhalten?
Ganz normal! Es heißt immer, man soll Menschenansammlungen meiden. Ich frage mich welche? In Marmaris steht zurzeit alles leer. Trotzdem sollte man Verständnis für die Lage haben und Diskussionen, vor allem mit der Polizei, vermeiden. Als Gast in einem fremden Land sollte man sich generell mit politischen Äußerungen zurückhalten. 

Sie sind selbst Muslimin. Was sollen Segler in einem moslemischen Land unbedingt beachten?
Die Türkei ist ein laizistisches Land! Beachten sollte man trotzdem, was einem der Anstand gebietet. Sich nicht über fremde Glaubensriten mokieren und nicht während der Gebetszeiten durch die Moscheen laufen. Zeigen Sie Respekt vor anderen.

Wenn ich 2017 in der Türkei segeln möchte, auf was muss ich mich einstellen?
Das Yachtangebot hat sich reduziert, das eine oder andere Restaurant könnte geschlossen sein. Dafür gibt es kein Gedränge in den Häfen und viel Platz zum Ankern, weil wenige Gulets unterwegs sind.
Rückblickend auf die boot 2017 kann ich berichten, dass einige Türkeikenner gerade jetzt in der Türkei ihren Segelurlaub verbringen möchten. Sie wollen sich mit der Bevölkerung durch ihren Aufenthalt solidarisch zeigen und dem Land treu bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Am 20. Juni 2017 hat das Auswärtige Amt die Reise- und Sicherheitshinweise für die Türkei auf alle Deutschen ausgeweitet. Zuvor galten sie nur für bestimmte Personengruppen. Es handelt sich allerdings nicht um eine Reisewarnung in das Land.

Auszug aus den Reisehinweisen:

"Zuletzt waren in der Türkei in einigen Fällen Deutsche von freiheitsentziehenden Maßnahmen betroffen, deren Grund oder Dauer nicht nachvollziehbar war. Hierbei wurde teilweise der konsularische Zugang entgegen völkerrechtlichen Verpflichtungen verweigert. Personen, die aus privaten oder geschäftlichen Gründen in die Türkei reisen, wird zu erhöhter Vorsicht geraten und empfohlen, sich auch bei kurzzeitigen Aufenthalten in die Listen für Deutsche im Ausland bei Konsulaten und der Botschaft einzutragen. Die Auslandsvertretungen werden bei Festnahmen deutscher Staatsangehöriger nicht immer rechtzeitig unterrichtet, der Zugang für die konsularische Betreuung wird nicht in allen Fällen gewährt. Seit Anfang 2017 wurde wiederholt deutschen Staatsangehörigen an den Flughäfen in der Türkei die Einreise ohne Angabe genauer Gründe verweigert. Die betroffenen Personen mussten nach einer Wartezeit in Gewahrsam von mehreren Stunden ihre Rückreise nach Deutschland antreten. In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass ungeachtet des gesetzlichen Anspruchs deutscher Staatsangehöriger auf konsularischen Rat und Beistand, konsularischer Schutz gegenüber hoheitlichen Maßnahmen der türkischen Regierung und ihrer Behörden nicht in jedem Fall gewährt werden kann, wenn der oder die Betroffene auch die türkische Staatsangehörigkeit besitzt."


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