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Seekrankheit: Was wirklich hilft

Seekrankheit stellt eine unschöne Nebenerscheinung des Segelns dar. Doch wie entsteht sie und was können wir dagegen tun? Helfen Medikamente?

"Am Anfang hat man Angst, dass man stirbt, am Ende hat man Angst, dass man nicht stirbt.“ Ein paar tausend Jahre Seefahrtsgeschichte hat der Mensch inzwischen hinter sich und dabei unzählige Probleme gelöst. Trotzdem gibt es noch immer kein Allheilmittel gegen die Seekrankheit. Selbst langgefahrene Kapitäne und Weltumsegler sind nicht vor ihr sicher. Doch es gibt Hoffnung für die Betroffenen, denn es gibt Mittel gegen die Seekrankheit. Das Problem ist nur, sie wirken nicht bei jedem Menschen gleich. Oft fehlen auch die wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit einer Neuentwicklung – doch dazu später mehr.

Was ist Seekrankheit?

Seekrankheit ist eine Form der Reisekrankheit, medizinisch Kinetose genannt. Hierzu zählen auch die Luftkrankheit, die beim Fliegen auftritt und die Raumkrankheit, die bei Astronauten im Weltraum auftritt. Ausgelöst wird Kinetose zum Beispiel auch durch Computerspiele, Fahrgeschäfte auf der Kirmes oder in Autos und Zügen. Die dabei zugrunde liegenden Mechanismen sind sich sehr ähnlich: Kinetose ist eine Sinnestäuschung.

Nach heutigem Wissensstand sorgen vier ‚Bausteine’ dafür, dass das Gehirn die Bewegungen und die Lage des eigenen Körpers im Raum interpretieren kann und wir das Gleichgewicht halten können. Mediziner sprechen vom visuellen System, also den Augen, vom vestibulären System, also dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr und vom propriozeptiven System, das aus einer ganzen Reihe von verschiedenen ‚Sensoren’ besteht, die zum Beispiel Informationen über die Stellung der Gelenke, Sehnen und Muskeln zum Körper liefern. Mechanorezeptoren in der Haut sorgen dafür, dass dem Gehirn bekannt ist, welche Körperteile momentan mit der Umgebung, zum Beispiel dem Boden, in Kontakt sind und bilden den Tastsinn. Melden nun die verschiedenen ‚Bausteine’ unterschiedliche Zustände, kommt es im Gehirn zu einer Fehlverarbeitung von Informationen und es kann Kinetose auftreten.

An Bord

Unter Deck sind die Auswirkungen am stärksten. Das Boot bewegt sich, es stampft und rollt. Die Augen melden ans Gehirn, dass man sich in einem geschlossenen Raum befindet, der erfahrungsgemäß nicht schaukelt. Die Sensoren in der Haut melden, dass man festen Boden unter den Füßen hat. Diese beiden Informationen passen soweit gut zusammen. Jetzt melden aber die Gelenke und Muskeln zusätzlich, dass sich der Körper ständig bewegt, und die Muskeln diese Bewegungen ausgleichen müssen. Zu allem Überfluss registriert das Gleichgewichtsorgan im Innenohr auch noch permanente Beschleunigungskräfte in verschiedene Richtungen. Das Gehirn kann diese Informationen nicht in Einklang bringen und reagiert mit Seekrankheit.

Symptome

Die Ausprägung der Symptome ist dabei von Mensch zu Mensch meist sehr unterschiedlich. Mancher Segler verspürt nur eine leichte Müdigkeit und ist dadurch so gut wie gar nicht eingeschränkt, wohingegen ein anderer über Appetitlosigkeit, Übelkeit, Des­interesse, Apathie und Erbrechen klagt und damit zu verantwortungsvollen Tätigkeiten an Bord nicht mehr in der Lage ist.

Auch der Schwellenwert, ab wann die ersten Symptome auftreten, ist sehr verschieden. Bei dem einen reicht schon leichtes Schaukeln im Hafen, während beim anderen starker Seegang und heftige Schiffsbewegungen nötig sind, um Seekrankheit auszulösen.

Wer wie stark unter Seekrankheit leidet, lässt sich also pauschal nicht vorhersagen. Es gibt aber Untersuchungen, die gezeigt haben, dass das Geschlecht eine Rolle spielt. So scheinen Frauen tendenziell eher betroffen zu sein. Vermutet wird hier ein Zusammenhang von Hormonen und anderen körpereigenen Stoffen. Männer und Frauen unter 28 Jahren sind statistisch ebenfalls stärker betroffen. Körperliche Fitness wirkt sich positiv aus, vielleicht weil das Gleichgewicht besser geschult ist und das Gehirn besser auf ungewohnte Bewegungsabläufe trainiert ist. Da das Gehirn in der Lage ist, sich an die Bewegungen an Bord zu gewöhnen, lassen die Symptome normalerweise nach einigen Tagen nach. Der Segler ist nun seefest – bis zum nächsten Törn.

 

Histamin

Einer der körpereigenen Stoffe, die mit Seekrankheit direkt in Verbindung gebracht werden, ist Histamin. Der menschliche Körper synthetisiert Histamin selbst, nimmt es aber auch durch die Nahrung auf, wobei der Histamingehalt in unterschiedlichen Nahrungsmitteln stark variiert. Die Wirkungen von Histamin sind komplex, so hat es Einfluss auf den Magen-Darm-Trakt, das Herz-Kreislaufsystem, das zentrale Nervensystem und spielt in der Abwehr körperfremder Stoffe eine Rolle.

In Stresssituationen steigt die Histaminkonzentration im menschlichen Körper. Sowohl psychische als auch körperliche Belastungen, wie sie an Bord auftreten, tragen dazu bei. Eine erhöhte Histaminkonzentration ist einer der Auslöser für Erbrechen. Deshalb ist es wichtig, den Histaminhaushalt niedrig zu halten. Dies erklärt, warum in der Behandlung von Reisekrankheit und Seekrankheit im Speziellen gute Ergebnisse mit Medikamenten der Gruppe der Antihistaminika erzielt werden. Im Schlaf sinkt der Histaminspiegel übrigens von ganz alleine.

Prophylaxe

Die Seekrankheit lässt sich durch bestimmte Verhaltensweisen nicht generell verhindern, doch kann man einige Dinge beachten. Zu allererst gilt es Stress zu vermeiden. Wenn möglich, sollte ein Törn entspannt und ausgeschlafen begonnen werden. Es empfiehlt sich anfangs, nach Möglichkeit, auch auf lange Schläge und Nachtfahrten zu verzichten. Gerade Segler, die sich einen sehr strammen Zeitplan zurecht gelegt haben, und viele Meilen schon am Anfang des Törns segeln wollen, klagen oft über Seekrankheit. Die Ernährung spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Vor dem Ablegen sollte der Magen gefüllt sein, wobei darauf zu achten ist nicht zu viel zu essen, sondern wirklich nur bis sich ein Sättigungsgefühl einstellt. Hier sollte besonders auf histaminhaltige Nahrungsmittel verzichtet werden (siehe Info-Kasten Ernährung). Rauchen und der Konsum von Alkohol sind ebenfalls nicht förderlich. Auch die richtige Bekleidung trägt ihren Teil zu einer guten Vorbereitung bei. Wer friert, setzt sich unnötigem Stress aus, auf den der Körper reagiert. Also: warm genug anziehen. Außerdem sollte auf die eigenen Bewegungen geachtet werden. Nach Möglichkeit langsam und ruhig bewegen. Den Kopf nicht unnötig drehen und abknicken, lieber den ganzen Körper drehen. Unter Deck sind die Effekte der Sinnestäuschung stärker als an Deck. Das heißt, man sollte auf unnötige Ausflüge ins Bootsinnere verzichten und besser an Deck bleiben, wo sich zumindest der Horizont nicht bewegt.

Was hilft, hat recht

Diverse Medikamente sind frei in Apotheken erhältlich, andere sind verschreibungspflichtig. Manche Medikamente sind in Deutschland mittlerweile nicht mehr erhältlich, im Ausland teilweise schon. Alle Medikamente gegen Seekrankheit müssen vor Auftreten der Symptome eingenommen werden. Die Zeitspanne variiert dabei zwischen den Arzneien, liegt aber meist zwischen drei und zwölf Stunden vor dem Ablegen. In jedem Fall sollten Sie die Einnahme von Medikamenten vor einem Törn mit Ihrem Hausarzt besprechen, denn alle Medikamente haben Nebenwirkungen und können Wechselwirkungen mit anderen Arzneien, die unter Umständen bei Erkrankungen genommen werden müssen, auslösen. Dies ist auch ein Nachteil der effektivsten Medikamente, weswegen sie teils vom deutschen Markt verschwunden sind.

Neben den schulmedizinischen Präparaten gibt es eine ganze Reihe alternativer Behandlungsmöglichkeiten von Seekrankheit. Besonders zu erwähnen ist hier der Einsatz von Vitamin C, der sehr vielversprechende Ergebnisse in Versuchen erbracht hat und dem von vielen Seglern gute Wirkung in der Behandlung nachgesagt wird. Vitamin C baut das Histamin im Körper ab und wirkt daher gegen den Brechreiz. Ein Naturprodukt, welches ebenfalls der Übelkeit entgegenwirkt und praktisch ohne Nebenwirkungen daher kommt, ist Ingwer. Von Ingwer berichten viele Segler, dass er tatsächlich wirkt.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Macht der Psyche, beziehungsweise der Placebo­effekt. Der Glaube an die Wirksamkeit eines Mittels, sei es schulmedizinisch oder alternativ, kann eine sehr gute Wirkung erzielen, wie diverse Versuche gezeigt haben.

So haben auch Mittel gegen Seekrankheit, zu denen es teilweise keine oder nur sehr eingeschränkte Untersuchungen hinsichtlich der Wirksamkeit gibt, doch ihre Berechtigung. Denn: Was hilft, hat recht.

 

Mehr über Seekrankheit in Ausgabe 2/2016


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