Boote & Ausrüstung

Rettungswesten

Rettungswesten sollen Leben retten und gehören zu den wichtigsten, persönlichen Ausrüstungsgegenständen. Wir erklären, wie Sie die richtige Weste finden. Denn Leben rettet sie nur, wenn sie auch getragen wird. 

Kaum ausgeatmet, schlägt schon wieder die nächste Welle in das Gesicht. Leichte Panik kommt auf. Der gesamte Körper giert nach Sauerstoff. Sich jetzt noch auf das Schwimmen zu konzentrieren, lässt die Situation nicht zu. Nur die Rettungsweste hält den Kopf soweit über Wasser, dass in den kurzen Pausen hastig Luft in die Lungen gepumpt wird. Obwohl nur eine Übung unter Realbedingungen stattfindet, lässt sich der Körper nicht vom Kopf, der zur Ruhe mahnt, überzeugen. Wer bereits mit einer Weste im Wellenbad trieb, kennt das Gefühl eventuell. Die Wahl der richtigen Weste sollte also sorgfältig getroffen werden. Denn wenn sie nicht getragen wird, weil sie unbequem sitzt, rettet sie keine Leben.

Sowohl 150 als auch 275 Newton halten den Kopf über Wasser

Das Angebot an Rettungswesten gliedert sich in zwei Auftriebsklassen: 150 und 275 Newton. Die große Weste verspricht durch ein beinahe doppeltes Volumen mehr Sicherheit, doch trifft das tatsächlich zu? „Die erste Aufgabe der Weste besteht darin, den Kopf über Wasser zu halten“, erklärt Olivier Christen von Secumar und fährt fort: „Das ist bei 150 und 275 Newton der Fall“. Allerdings sei nicht sicher, ob die kleine Weste eine Person im Wasser mit Schwerwetterbekleidung zuverlässig auf den Rücken dreht. Dabei spielt das Gewicht des Ölzeugs keine große Rolle für das Drehverhalten. Was die Weste vor ein Problem stellt, sind Lufteinschlüsse, die sich unter dem Ölzeug bilden können. Sie wirken wie ein Auftriebskörper und schieben sich genau dorthin, wo sie nicht hingehören – auf den Rücken oder in die Beine. Mitunter dauert es einige Minuten bis die Luft aus der Kleidung entweicht und die 150 Newton-Weste es schafft, die Person im Wasser zu drehen. Dennoch lässt sich nicht sagen, dass nur eine 275 Newton-Weste die richtige sei. Vor dem Westenkauf sollte sich jeder Segler selbst einschätzen und eine Art Anforderungsprofil erstellen. „Ich sollte im Vorfeld abwägen: Wo ist mein Revier? Segel ich im Sommer nur mit Familie und bleibe im Hafen, wenn es richtig weht?“, erläutert Michael Dibowski, Vorsitzender des Fachverband Seenot-Rettungsmittel e.V. (FSR). Ähnlich sieht es auch Christen von Secumar: „Die Frage ist nicht: Wie weit segel ich von der Küste entfernt, sondern welche Bekleidung trage ich?“ Bei T-Shirt, kurzer Hose oder Jeans mit leichter Jacke reicht eine 150 Newton-Weste aus. Es sei wichtig, dass an Bord immer eine Weste getragen wird, sagt Dibowski. Im Urlaubsmodus an Bord sitzt eine 150 Newton-Weste bequemer und wird erfahrungsgemäß öfter getragen. Allerdings spielt auch die gewöhnliche Crewstärke eine Rolle in der Westenauswahl. Bei einer kleinen und unerfahrenen Mannschaft steigt die Wahrscheinlichkeit, länger im Wasser zu bleiben. In dieser Konstellation ist mehr Auftrieb wichtig. Noch wichtiger sei allerdings, sich anzuleinen. „Jede Weste für Segler sollte einen Harness besitzen“, sagt Christen. Der Harness erlaubt es, sich mit einer Lifeline an Bord einzupicken. Wer sich unsicher ist, sollte den Hersteller fragen oder auf dem Brustgurt nach einer Kennzeichnung suchen.

Ideal wäre es, an Bord zwei Westen zu besitzen. Eine leichte, bequeme 150 Newton-Weste, die immer getragen wird, und eine mit 275 Newton, die angezogen wird, wenn es richtig weht. Zudem bringt die größere Weste noch etwas mehr Mundfreibord. „Das klingt natürlich immer nach dem Wunschdenken der Industrie, damit möglichst viele Westen verkauft werden“, sagt Dibowski. Da viele Segler nicht bereit sind, gleich zwei Westen zu kaufen, gehen die Hersteller andere Wege, damit zumindest eine Weste an Bord getragen wird.

Passform

Eine der auffälligsten Änderung im Erscheinungsbild von Rettungswesten ist die Abkehr von flachen, breiten Westen, die im Nacken aufliegen. Moderne Westen sind enger gepackt und so geformt, dass sie den Nacken während des Tragens freihalten und das Gewicht besser verteilen. „Wir versuchen stets eine bessere Passform zu entwickeln“, sagt Christen. Es nütze nichts, sich die Weste für 500 Euro zu kaufen, sie aber nicht zu tragen, da sie unbequem anliegt. Daher sollte jede Weste vor dem Kauf anprobiert werden. Am besten auch mit leichter Bekleidung. Wer sich im Vorfeld bereits ein Modell ausgesucht hat, sollte dennoch andere Westen zum Vergleich anziehen. Denn entscheidend ist, wie die Weste empfunden wird. Lässt sie sich schnell und einfach schließen? Lässt sie sich ebenso schnell und alleine verstellen, um an die jeweilige Bekleidung angepasst zu werden? Ist sie zu schwer? Kratzt sie? Als Faustregel gilt, dass die Weste so eng sitzen sollte, dass hinter dem Verschluss noch knapp zwei Fingerbreit Platz ist. Viele Westen werden zu locker getragen. Das kann im Wasser die Folge haben, dass die Weste über den Kopf rutscht. „Die beste Weste ist letztendlich die, die getragen wird“, schließt Christen ab. „Und zwar selbst ausgesucht und selbst anprobiert!“

 

Weitere Auftriebsklassen

Die Hersteller bieten seit einigen Jahren vermehrt Westen an, die der bisherigen Zweiklassenteilung auf den ersten Blick widersprechen. Es gibt Westen mit 165, 170 und 180 Newton Auftrieb. „Das haben wir im Fachverband (Seenotrettungs-Mittel e.V., Anm. d. Redaktion) oft kritisiert“, sagt Michael Dibowski, denn dem Kunden wird dadurch ein Zugewinn an Sicherheit suggeriert, der nicht unbedingt gegeben sei. Laut Dibowski hatten Rettungswesten der 150 Newton-Klasse schon immer einen größeren Auftrieb. Die 150 Newton sind nur das Minimum, das eine Weste erreichen muss. Auch Secumar verfolgte diese Entwicklung mit Skepsis: „Als begonnen wurde, mit dem realen Auftrieb zu werben, wollten wir nicht mitgehen, aber die Kunden nahmen es eben als ‚besser’ wahr“, beschreibt Christen die Situation vor fünf Jahren. Secumar entschloss sich allerdings, nicht den realen Auftrieb zu bewerben, sondern die 150 Newton maximal auszureizen. Mit einer neuen Patrone von 43 Gramm schufen sie mit 220 Newton Auftrieb eine Zwischengröße.

Im Großen und Ganzen bleiben die realen Auftriebswerte ein Marketingversprechen. Grundlegend besser und sicherer sind sie nicht. Nur die 220 Newton können als Zwischengröße ge­genüber der normalen 150 Newton-Weste Vorteile ausspielen.

Fotos: Secumar

Arten von Rettungswesten

Klassisch: Viele Westenhersteller kommen aus dem Bereich Arbeitsschutz. Dort sind die Westen flach und breit geschnitten, um nicht vom Körper abzustehen. Die Grundform der Rettungsweste wurde so auch für die Sportschifffahrt verwendet. Die Westen können leicht wieder zusammengefaltet, gepackt und wieder auslösebereit gemacht werden. Das Obermaterial wird durch Klettverschlüsse, Druckknöpfe oder Reißverschlüsse zusammengehalten. Da die Westen mit ihrem Gewicht im Nacken anliegen, werden sie schnell als unkomfortabel empfunden. Um sie etwas angenehmer zu gestalten, setzen die Firmen Fleece ein.

Modern: Seit einigen Jahren arbeiten die Hersteller daran, die klassische Rettungsweste komfortabler zu gestalten. Klares Ziel sei es, über eine bessere Passform dem Segler zu vermitteln, dass eine Rettungsweste nicht stört, so Olivier Christen von Secumar. Vorrangig nahmen die Hersteller das Gewicht aus dem Nacken und verteilten es besser über die Schultern. „Ähnlich wie ein Trekkingrucksack, der das Gewicht so verteilt, dass er leichter wirkt“, sagt Christen. Bei Secumar gelang dies durch einen neuen Schwimmkörper mit seitlichen Flügeln, der es zuließ, den Schulterbereich dünner zu gestalten. So entsteht bei der gepackten Weste ein ‚Knick’. Allerdings entstand bei den modernen Westen auch ein Nachteil: Die Westen sind sehr eng gepackt. Ohne eine genaue Anleitung lässt sich die Weste nicht so einfach zusammenlegen. So steigt beispielsweise auch die Gefahr, den Automaten so einzupacken, dass das Wasser ihn nicht erreichen kann. Konsequent entwickelte die englische Firma Spinlock ihre Westen. Die gesamte Konstruktion soll so ausgelegt sein, dass die Weste maximalen Komfort bieten sollen. Auch Kadematic hat vor zwei Jahren Komfort-Westen vorgestellt.
Für die Westen bieten die Hersteller bebilderte Packanleitungen oder Videos an.


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