Fahrtensegeln

Porträt: E.G. Van de Stadt

Wie kaum ein anderer Konstrukteur prägte Ricus Van de Stadt den Yachtbau des 20. Jahrhunderts. Seine Experimentierfreudigkeit mit neuen Werkstoffen und neuen Rumpfformen bereitet den Boden für den modernen Yachtbau

In der kleinen Stadt Zaandam nordwestlich von Amsterdam wirft ein Holländer im Frühsommer 1939 eine Tür ins Wasser; Europa befindet sich am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Er hatte die Tür vorher nicht lackiert und beobachtet gespannt das im Wasser treibende Holz. Der technische Fortschritt hatte die Welt in den letzten Jahrzehnten verändert. Automobile und Flugzeuge wurden längst in Serie gefertigt. Nur Boote wurden noch wie vor 100 Jahren gebaut. Das sollte sich mit der schwimmenden Tür ändern. Die Minuten verstreichen und nichts geschieht, obwohl die Tür aus mehreren Lagen Sperrholz gefertigt ist. In den dreißiger Jahren ist Sperrholz kein neuer Werkstoff, doch reagierte es in der Vergangenheit empfindlich auf Feuchtigkeit, die den Leim löste, die Schichten aufquellen ließ und das Sperrholz so nach kurzer Zeit zerstörte. Diese Eigenschaften machten das Material für den Außenbereich unattraktiv.

Die Tür im Wasser zeigt sich indes wenig beeindruckt. Da ihre einzelnen Lagen mit einem neuen Kunstharzklebstoff verleimt wurden, kann ihr Wasser nichts anhaben. In Zaandam gefertigte Platten sind wasser- und kochfest und nennen sich schlicht: Hechthout – festes, starkes Holz. In den Niederlanden bürgert sich der Name schnell als Synonym für Marine- oder Bootsbausperrholz ein.

Der Mann am Ufer ist mit sich und seiner Arbeit zufrieden. Cornelis Bruynzeel, im Februar 1900 geboren, ist Holzmagnat, Türenfabrikant und begeisterter Segler, der am liebsten vor allen anderen die Ziellinie überquert. Zwei Jahre zuvor, 1937, gewann er als erster Holländer das bekannte Fastnet Race an Bord seiner 17 Meter Yawl Zeearend. Bei allen großen Segelveranstaltungen auf beiden Seiten des Atlantik ist er mit seiner Sparkman & Stephens Yacht präsent. Während Bruynzeel seine Tür im Wasser betrachtet, stellt er Überlegungen an, wie das neue Produkt vermarktet werden könnte. Die drohende Kriegsgefahr in Europa hat die Bautätigkeit in den Niederlanden bereits beinahe zum Erliegen gebracht und die Frage nach Türen hat damit einher stark nachgelassen. Um die Arbeitsplätze in seiner Fabrik in den nächsten Jahren zu erhalten, entschließt sich Cees Bruynzeel dazu, andere Produkte als Alternative zu produzieren.
In Gedanken versunken, schlendert Bruynzeel durch Zaandam und besucht einen Freund, der 1933 eine kleine Werft in der kleinen Stadt an der Zaan gegründet hat und regelmäßig auf der Zeearend mitsegelt.

Ericus Gerhardus Van de Stadt wurde am 4. Februar 1910 als fünfter Sohn in eine Holzhändler-Familie hinein geboren; schon im 17. Jahrhundert sind Van de Stadts als Holzhändler verbürgt. Nur Ricus will einen anderen Weg als seine Brüder gehen und lernt den Beruf des Bootsbauers, gründet eine Aktiengesellschaft und verkauft Anteile an Freunde und Verwandte, bis er das Startkapital von 25.000 Gulden zusammen hat. Mitten in der großen Wirtschaftskrise gründet Ricus Van de Stadt zusammen mit seiner Frau eine kleine Werft – die E.G. Van de Stadt Scheepswerf. Auf den Regattabahnen sind Boote aus Zaandam in den dreißiger Jahren regelmäßig vertreten, fallen durch gute Platzierungen auf und verhelfen der kleinen Werft zu einem guten Ruf.

Mit dem Bild der schwimmenden Tür im Hinterkopf unterbreitet Bruynzeel dem jungen Bootsbauer einen kühnen Plan: Er möchte in seiner Fabrik eine kleine Serie von Booten aus Sperrholz auflegen und Van de Stadt soll das Boot für ihn entwerfen. Bruynzeel ist es sehr wichtig, dass das Boot sowohl regatta- als auch familientauglich ist, und in nur 150 Arbeitsstunden gefertigt werden soll. Schon in der ersten Planungsphase steht der Name für das kleine Boot fest: Valk. Denn Vögel spielten in der Familie Bruynzeel schon immer eine große Rolle. Das Logo der Türenfabrik ziert ein Seeadler, und auch seine Yacht benannte er nach ihm – Zeearend heißt übersetzt Seeadler.

Ricus Van de Stadt steht im Sommer 1939 vor der Aufgabe, ein Boot zu zeichnen, das aus einem völlig neuen Werkstoff entstehen soll. Van de Stadt zeigt sich von den Ideen Brunyzeels begeistert, und am Tag des deutschen Überfalls auf Polen, dem 1. September 1939, beginnt er mit der Arbeit am Zeichenbrett.  Der erste Schritt hin zum industriellen Serienbau von Booten ist unwissentlich getan.

Ricus Van de Stadt entscheidet sich für einen 6,50 Meter langen Knickspantrumpf mit offenem Cockpit und Gaffelsegel. Bisher wurden Knickspantrümpfe nach einem bewährten Muster gebaut: Auf ein enges und schweres Spantengerüst wurde eine Außenhaut aus Massivholz angebracht. Doch Van de Stadt ändert diese Fertigungsmethode für den Sperrholzrumpf. Durch anlaminierte Stringer kann der Rumpf so versteift werden, dass die Spanten einen wesentlich größeren Abstand zueinander haben können. So entsteht eine sehr leichte, aber dennoch steife Konstruktion.

Den ersten Prototyp bringen Bruynzeel und Van de Stadt im Dezember des gleichen Jahres zu Wasser. Bruynzeel kann es kaum erwarten und unternimmt erste Schläge. Doch schnell wird ihm zu seinem Bedauern klar, dass das Boot zu instabil ist. Van de Stadt ändert den Entwurf ein weiteres Mal. Anstatt eines Schwertes, bekommt das Boot nun einen 150 Kilogramm schweren Kiel aus Gusseisen untergebolzt. Der Kiel macht das Schiff nicht nur stabiler und schneller, es verkürzt auch die Produktionszeit pro Boot. Im Januar 1940 beginnt die Arbeit an den ersten 100 Booten in der Fabrik. Pro Woche verlassen vier baugleiche Boote die Fabrikhallen. Es ist die erste Serienproduktion von Sportbooten.

Die Holländer sind dem neuen Material gegenüber sehr skeptisch und können sich nicht vorstellen, dass diese leichte Konstruktion den Belastungen unter Segeln dauerhaft standhält. Der ,Streichholzschachtel‘ werden bei guter Pflege höchstens ein paar Jahre gegeben, bevor sie auseinanderfällt. Doch die Regattaerfolge und der günstige Preis von 500 Gulden sorgen dafür, dass die erste 100er Serie schnell den Weg an den Mann finden und Bruynzeel eine zweite Serie auflegen kann. Während die Lage in Europa zunehmend dramatischer wird und die Niederlande seit Mai 1940 von der deutschen Wehrmacht besetzt sind, suchen viele Niederländer Ablenkung und ein letztes Stück Freiheit im Wassersport. Die günstige und schnelle Valk-Jolle ist genau das Richtige für das besetzte Land, denn nur „de wind is vrij“. So bewerben Bruynzeel und Van de Stadt den Sperrholz-Valk während der Besatzungszeit.

Noch im selben Jahr wird die Jolle zur nationalen Einheitsklasse erklärt, doch der Krieg zwingt Bruynzeel die Produktion nach 250 Schiffen zu stoppen. In ganz Europa herrscht Materialknappheit, und die Bootsbaubranche kann kaum noch arbeiten. So hält sich auch Van de Stadt mit kleineren Reparaturen über Wasser, bekommt aber über Beziehungen noch immer ausreichend Holz für kleinere Bauprojekte. Aufträge für die Besatzungsmacht werden geschickt verzögert und sabotiert – das benötigte Holz wird einfach über die offiziellen Kanäle angefordert.
Die Freundschaft mit Cees Bruynzeel bedeutete für den jungen Ricus Van de Stadt den Durchbruch als Konstrukteur. Die Valk-Jolle machte ihn in ganz Holland bekannt.

Hier geht es weiter zum zweiten Teil ab 1945.

 

Text: Kai Köckeritz


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