Reise

Im Herbst zu den Kanaren

Wachen gehen, Hochseeluft schnuppern und den Atem des Atlantiks spüren! Ein Flottillentörn von Mallorca auf die Kanaren ist Herausforderung und Erlebnis zugleich. Anschließend lohnt es sich, die Kanaren zu erkunden, denn sie bieten ein ideales Winterrevier

An diesem 15. Oktober 2016 ist bei der Schiffsübernahme alles anders als sonst. Am Kai stehen fünf Kanister mit hundert Liter Diesel, die noch gestaut werden müssen. Penibel werden die Navigationsunterlagen geprüft und festgestellt, dass zwei Seekarten fehlen. Motor, Elektronik, Rigg, Segel, Autopilot, Ankergeschirr, Toiletten, Navigationslichter: Alles wird kontrolliert, denn Reparaturgarantie gibt es auf diesen 1.500 Seemeilen, die morgen vor dem Bug liegen werden, keine. Daher werden die sonst wenig beachteten Schwimmwesten überprüft und anprobiert, dann sind die Sicherheitsgurte an der Reihe. Der Wetterbericht wird abgehört, Windkarten werden auf das Smartphone heruntergeladen. Danach wird gerätselt, ob wir bis Gibraltar durchsegeln oder den einen oder anderen Zwischenstopp einplanen sollen. Vom Supermarkt kommen wir mit drei vollen Einkaufswagen zurück. Gestaut wird nach Plan: Nichts soll durch die Schapps kullern, wenn das Schiff auf Kursen vor dem Wind rollt. Lange Hosen, Wollhemden, Hauben, Pullover, Seestiefel und Ölzeug werden aus Segeltaschen gekramt und verstaut. Ein spätes Abendessen im Restaurant beschließt den Tag. Mit einer frühen Tagwache beginnt der neue. Papierkram erledigen, noch einmal die Wassertanks auffüllen; dann werfen wir die Leinen los und motoren hinaus in die Flaute.

Welcher Strom läuft in der Straße von Gibraltar?

21. Oktober 1805: Westlich der Straße von Gibraltar tobt vor Kap Trafalgar die Seeschlacht zwischen der englischen und französisch-spanischen Flotte. Ein Südweststurm kommt auf. Er droht die verbissen kämpfenden Gegner auf die vorgelagerten Untiefen zu treiben. Noch im Toben der Elemente besiegen die Briten ihre Gegner. Nelson verliert dabei sein Leben, wie viele andere auch. Auf dem Trafalgar-Friedhof in Gibraltar werden sie begraben. Einige Grabsteine erinnern heute noch daran.
21. Oktober 2016: Der Wetterbericht warnt vor einem sich vom Atlantik nähernden Sturmtief. Hat der Wind erst einmal die Tür mit zehn Beaufort aus Südwest zugeschlagen, sitzen wir hier fest. Wir müssen durch die Straße von Gibraltar! Gleich morgen. Fragt sich nur, zu welcher Zeit? Die Stromtafeln der Royal Cruising Club Pilotage Foundation und die des ‚Sailors Guide‘ von Gibraltar sind nicht immer einer Meinung. Ein Segler meint dazu: „Früher habe ich gerechnet, heute sage ich mir: Augen zu und durch!“ Am nächsten Morgen ziehen wir bei Hochwasser los. In der Bucht schiebt der Strom; erst als wir um Los Hermanos außen herumgehen, steht er gegenan. Daraufhin halten wir uns bis Tarifa dicht unter Land. Bis zur Baja de los Cabezos sind sich Log und Plotter einig, doch dann beginnen dessen Angaben dem des Logs davon zu laufen. Vor Barbates Molen um bis zu zwei Knoten! In der Marina gleichen wir die Daten ab: Anfangs lagen beide Führer mal mehr, mal weniger in einem vertretbaren Rahmen, doch hoch nach Barbate langte der Sailors Guide mit zwei Knoten Gegen- statt Schiebestrom kräftig daneben. Also doch „Augen zu und durch?“ Besser wäre es gewesen, ich hätte vorher den Kommentar im Sailors Guide gelesen. Der sagt: „Gezeitenströme lassen sich in der Straße von Gibraltar nie präzise voraus­­sagen. Die Tafeln geben daher nur Näherungswerte wieder.“
Am nächsten Tag, überholt uns das Tief. Von einem düsteren Himmel strömt der Regen. Der Wind frischt stürmisch aus Südwest auf, also genau aus jener Richtung in die wir wollen. „So spät im Jahr können Tiefdruckgebiete bis zu den Kanaren hinunterziehen“, erzählt mir ein Segler, der hier schon mal eine Woche eingeweht war.

Alte Freunde am Sternenhimmel

Dieses Schicksal bleibt uns erspart, denn schon am nächsten Tag flaut der Südwestwind ab. Danach gibt er sich noch einige Stunden unentschlossen, bevor er sich auf Nordost einpendelt. Wir könnten das Segeln genießen, wäre da nicht dieser alte Wetterbericht, der uns auf halbem Weg nach Madeira eine Starkwindzone ankündigte. Während meiner Wache ist es dann so weit: Plötzlich springt der Wind auf Süd um. Es pfeift im Rigg, der Windmesser rast auf dreißig Knoten hoch. Als wir das Reff ins Groß gebunden haben, ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Ich habe mich von der Böe eines Schauers narren lassen, der irgendwo in dieser mondlosen Finsternis niederging! Im Osten wetterleuchtet es, doch von Westen her klart es auf. Nach Tagen mit tief hängendem Gewölk, wölbt sich ein Sternenhimmel über einer Weite, die uns alleine gehört. Lange haben wir schon kein anderes Schiff gesehen. So bleibt mir während meiner Wache viel Zeit, mich jenen zu widmen, die mir, als ich das erste Mal nach Madeira segelte, noch den Weg wiesen. Manche Sterne sind mir fremd geworden, doch den hell strahlenden Sirius finde ich schnell. Der große Wagen hilft mir, den Polarstern zu finden, der sich mit dem Sextanten immer erst einfangen ließ, wenn die Kimm schon von der Nacht aufgefressen worden war. Mit dem ersten hellen Streifen am östlichen Horizont verblasst die Milchstraße und mit ihr das Licht von ein- bis zweihundert Milliarden Sonnen. Wenig später lugt unsere Sonne über die Kimm und begibt sich auf ihre Reise, über einen sich erstmals seit Tagen wieder blau über uns wölbenden Himmel. Madeira muss nicht sein. Wir würden ohnedies erst nachts ankommen, mit schlechten Aussichten auf einen Liegeplatz in der Marina. Porto Santo können wir hingegen anliegen. Dessen Marina ist auch ausgebucht, doch im Hafen findet sich noch eine Boje, an die wir uns hängen können. Zuerst aber an die Tankstelle! Die hat schon geschlossen, doch weil wir Diesel brauchen, holt man den Tankwart sogar aus dem Wochenende zurück. Geht’s noch freundlicher?

Ein Meer wie flüssiges Silber

Noch ist bester Segelwind aus Südwest angesagt, mit dem wir von Madeira aus Teneriffa anliegen könnten. Fragt sich nur wie lange? Schon für morgen zeigen die Windkarten Flauten auf den gesamten 270 Seemeilen bis zu unserem Zielhafen Radazul. Als wir abends auslaufen, ist Seglers Welt noch in Ordnung. Voll und bei am Wind liegend, frisst unser Schiff geradezu die Meilen, die noch vor seinem Bug liegen, während hinter dem Heck Madeira in der Abendsonne zu glühen beginnt. Als sie versinkt, erstrahlen die Bergrücken in einer wahren Lichterflut, getrennt werden sie von nachtschwarzen Tälern. An Bord sagt einer andächtig: „Das ist, als würde flüssige Lava über den ganzen Süden der Insel fließen.“ Nach Mitternacht versiegt das Plätschern der Bugwelle. Am Morgen kräuseln noch Brisenstriche die monotone Atlantikdünung, nachmittags sind auch sie verschwunden. Unser Schiff pflügt durch ein Meer aus flüssigem Silber, das von Horizont zu Horizont reicht. Als die Sonne über den Rand kippt, beginnt die Öde ringsum aufzublühen. Im Zeitraffer läuft ein Farbenspiel ab, bis es in seiner ganzen schillernden Pracht vom Grau der Dämmerung verschluckt wird. Das sind Augenblicke, für die man als Segler lebt! An sie werde ich mich noch erinnern, wenn alle Misslichkeiten, die ein Blauwasser-Törn nun mal mit sich bringt, schon lange vergessen sind.

 

Warum im Winter auf die Kanaren?

Viele kennen die Kanarischen Inseln als Ferienparadies für wintermüde Nord­europäer. Oder eben Zwischenstopp und Sprungbrett für Weltumsegler. Obwohl die Kanaren als ‚Inseln des ewigen Frühlings‘ bekannt sind, kann der eine oder andere Segler teilweise immer noch nicht glauben, dass der Atlantik auf 29 Grad Nord eben auch als Charterrevier taugt und nicht nur als exklusives Hochseerevier für Profisegler. Doch spätestens wenn die Vercharterer im Mittelmeer über die Wintermonate Pause haben, wird vielen klar, dass man nicht erst in die Karibik fliegen muss, um allerfeinstes T-Shirt-Segeln zu erleben und wieder barfuß am Steuerrad zu stehen.
Für uns war Lanzarote von Anfang an ein idealtypischer Ausgangsort für die Erkundung der Kanaren. Denn ob Kurz-, Mittel- oder Langstrecke – hier ist 52 Wochen im Jahr je nach Lust, Laune und Segelkenntnis für jeden Segler etwas dabei. Auf 100 Seemeilen an der Leeseite der Insel segeln, längere Schläge nach Teneriffa, Gran Canaria oder die kleinen westlichen Inseln wie La Palma, La Gomera oder El Hierro: Routen gibt es mehr als genug, für jede Wetterlage planbar, und am Ende des Segeltages warten türkisgrüne bis stahlblaue Ankerbuchten. Für jene Segler, die anspruchsvoll unterwegs sein wollen und das Atlantikrevier bis dato vielleicht noch gescheut haben, bietet Blu Charter die ‚Canary Islands Charterweek‘ an.


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