Wattwandern statt segeln – Wasserknappheit am Edersee
Werner Pelster ist frustriert: Ende Juli steht seine Sun Fast 20 schon wieder an Land. Für den 74-Jährigen ist die Saison vorbei, ebenso für seine Vereinskameraden von der Steggemeinschaft Segelfreunde Klabautermann.
Denn wegen des niedrigen Wasserstandes mussten alle 2.000 Boote, die am Edersee liegen, bis spätestens zum 5. August herausgekrant werden. „Wir hatten gerade alle Kundenboote im Wasser, als wir die ersten wieder in die Halle fahren mussten“, sagt Timo Sandrock, Geschäftsführer der Bootswerkstatt Edersee. Von den angesetzten neun Yardstick-Regatten auf dem See konnten nur fünf durchgeführt werden. Die Gäste der Segelschule Rehbach-Edersee segeln zwischen geröllbedeckten Uferböschungen. Es sei ein deutlicher Buchungsrückgang zu verzeichnen, sagt Segelschulbesitzer Thomas Hennig; auch andere Wassersportbetriebe, Gastgewerbe und die Fahrgastschifffahrt verzeichneten Rückgänge und Stornierungen.
Normalerweise dauert die Segelsaison am Edersee hundert Tage. 1914 durch die Edertalspeere aufgestaut, hat er den Status einer Bundeswasserstraße und wird vom Wasser- und Schifffahrtsamt Hann. Münden bewirtschaftet. Sein Wasserstand wird jedes Jahr zum November hin gesenkt, damit für das Frühjahr ein Hochwasserschutzraum zur Verfügung steht. Das Steuerungskonzept für den Edersee sieht vor, immer zum 1. Mai eine Vollfüllung zu erreichen. Durch fehlende Niederschläge im Frühjahr lag der See jedoch am 1. Mai schon drei Meter unter dem angestrebten Wasserstand von 41,7 Meter, gemessen an der Edertalsperre am östlichen Ende des Sees. Der sich schlängelnde See fällt zuerst vom westlichen Ende her trocken. Mit dem Ablassen von Edersee-Wasser wird ein Pegel von 1,20 Meter auf der Oberweser gestützt, um diese schiffbar zu halten. (Mehr Infos zum Edersee: www.edersee.de)Durch das trockene Wetter musste die Oberweser an über 100 Tagen seit Mitte April mit Wasser aus der Edertalsperre bezuschusst werden, was die Wasserknappheit im See noch verschlimmerte. Der Vorstand der 2009 gegründeten Wasserportgemeinschaft Edersee-Diemelsee e.V. (WSGE), die sich als Interessenvertretung für alle Wassersportler am Edersee versteht, sieht Versäumnisse beim WSA Hann. Münden. Der 1. Vorsitzende Hans-Joachim Koltzsch meint: „Der See war im Januar nach der Schneeschmelze voll. Obwohl kein weiteres Schmelzwasser zu erwarten war, wurde der See abgelassen.“ Hier sollte das WSA flexibler reagieren.
Macht die Wasserwirtschaft den Tourismus kaputt?Katrin Urbitsch, Amtsleiterin des WSA Hann. Münden, beurteilt die diesjährige Situation ebenfalls als „katastrophal“, sieht jedoch allein die ausgebliebenen Niederschläge als Grund für die Wasserknappheit. Zu fordern, von den Richtwerten abzuweichen und mehr Wasser im See zu belassen, sei realitätsfern und auch riskant: „Alle Anlieger verlangen von uns als Behörde, dass wir uns verlässlich an die Betriebsvorschriften halten. Immerhin ist es unserer Aufgabe, die Bürger vor den Folgen eines Hochwassers zu schützen.“ Außerdem, so Urbitsch, passe man sich langfristigen Veränderungen durchaus an; so wurde der angestrebte Pegel auf der Oberweser 2004 von 1,25 auf 1,20 Meter gesenkt. Aber aufgrund eines trockenen Jahres könne man nicht die statistisch ermittelten Werte ändern. Und ohnehin sei eine touristische Nutzung des Edersees nicht gesetzlich festgehalten; Vorrang habe die Güter- und Fahrgastschifffahrt auf der Oberweser. Segelschulbetreiber Thomas Hennig, der sich ebenfalls in der WSEG engagiert, ärgert diese Sichtweise: „Der Tourismus ist am Edersee mittlerweile der bedeutendste Wirtschaftsfaktor!“ Jährlich werden 300 Millionen Euro erwirtschaftet, und rund 4.000 Arbeitsplätze, davon alleine 120 in Wassersportbetrieben, sind mit dem Tourismus verbunden. „Seit Jahren werden -zig Millionen Euro an Fördergeldern ausgegeben, um die touristische Infrastruktur hier zu erhalten. Und andererseits wird diese durch die schlechte Wasserbewirtschaftung zunichte gemacht!“ Im September soll es ein Gespräch zwischen Landessportbund, der WSGE und dem WSA geben. Hans-Joachim Koltzsch hofft, dass im Resultat die Situation für die Wassersportler etwas abgemildert wird. Amtsleiterin Urbitsch wiederum hofft, die Beweggründe und Prinzipien des WSA darlegen zu können. Bei den Betriebsvorschriften bleibe es, ob das den anderen nun passe oder nicht. Dem entgegen steht eine Meldung, die uns kurz vor Redaktionsschluss erreichte: Trotz der Wasserknappheit wird das WSA aus dem Edersee Wasser für das am 13. August in Bodenfelde an der Weser stattfindende – eindeutig touristische – Lichterfest ablassen.
Derweil werden auf dem Edersee „Wattwanderungen“ angeboten, einige Kunden von Timo Sandrock verlängern die Saison an der Schlei. „Ob die wiederkommen, weiß ich natürlich auch nicht.“ Auch Werner Pelster geht noch zwei Wochen auf der Ostsee segeln. Und Thomas Hennig plant eine Facebook-Party unter dem Motto „Rettet den Edersee“: Freibier bekommt, wer mindestens fünf Liter Wasser mitbringt.
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