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Fremdschämen bei Onkel Tommy

Segeln ist dem deutschen Fernsehen meist nur eine Randnotiz wert. Umso erstaunlicher, dass eine ganze vorabendliche Talksendung dem Thema gewidmet wurde: Laura Dekker, jüngst um die Welt gesegelt, zu Gast in Gottschalks Quotenloch

- Ein Kommentar

Hätten wir etwas verpasst, wenn wir uns am Mittwoch Abend nicht vor den Fernseher gesetzt hätten und etwas genervt darauf gewartet hätten bis Thomas Gottschalk - seines Zeichen gefallener TV-Engel - endlich aufhört mit einem Engel vor einer holländischen Kirche zu telefonieren und mit Matthias Opdenhövel - Lichtgestalt der Sportmoderation- Jojo zu spielen?

Zugegeben: Bis hierhin hätten wir nur platte Witze über Stereotype und schlechte Tagespresse verpasst. Auch in den letzten zwölf Minuten der Sendung folgten (leider) platte Witze über Stereotype. Aber wir hätten trotzdem etwas verpasst, wenn wir nicht um 19.20 Uhr "Gottschalk Live" eingeschaltet hätten. Denn Laura Dekker hatte ihre ersten zwölf Minuten im deutschen Fernsehen.

Leider bei Thomas Gottschalk, der entweder mit der Situation überfordert war oder schon selbst nicht mehr an ein Fortbestehen seiner Talkrunde glaubte. Er agierte gelangweilt, wußte nicht so Recht was er mit einem 16 Jährigen Mädchen anfangen sollte, das eben erst von einer Weltumsegelung zurückkehrte. Auch schaffte er es nicht den Begriff "Weltumsegelung" richtig einzuordnen und flüchtete sich in banale Witze, kündigte das Zeilmeisje als jemanden an, "der nicht wie alle Holländer zusammen mit den Eltern auf einem Hausboot" um die Welt segelte.

Dabei machte Laura einen durchaus sympathischen Eindruck. Dass sie die Medien nicht mag, ist bekannt und so wirkte sie leicht nervös, antwortete aber selbstbewusst auf Deutsch und erweckte bei weitem nicht den Eindruck eines kleinen Mädchens, als das sie Gottschalk so gerne hingestellt hätte.

Dreimal erwähnte Gottschalk, dass die Reise sicherlich gefährlich gewesen sei, dreimal setzte sie entgegen, dass es wesentlich gefährlichere Unternehmungen gibt. Gottschalk hatte es zunehmend schwer sich in seinen Gast hinein zu versetzen, kramte irgendwann nach Fragen über Jugendkultur und fragte nach Internet und Facebook. Ob Sie denn die ganze Zeit über einen Satelliten dabei gehabt hätte? Gottschalks Kompetenz war bei weitem unterirdisch überirdisch an diesen Abend. Etwas verständnislos blickt sie ihn und antwortet schließlich, dass sie erst dreizehn gewesen sei, als sie anfing den Törn zu planen. Segeln stand für Sie im Vordergrund und Internet hatte sie an Bord auch nicht.

Gottschalk fuchtelt noch etwas mit zwei Kochlöffeln herum, fragt nach Medizin, Schule an Bord. Zeit zum Antworten hat sie oft nicht. Denn Gottschalk unterbricht seinen Gast immer wieder, fragt schließlich sogar wieder Opdenhövel etwas.

Peinlich: die Feststellung, dass er (T. Gottschalk) ja ihren Großvater gekannt habe. Phil Decker, der berühmte FBI Mann, der schon mit Jerry Cotton unterwegs war. Arme Laura - das hat sie nicht verdient.

In einem Moment peinlicher Stille klingelt Lauras Telefon, leicht verstört klickt sie den Anruf weg. "Auf See hab ich das gar nicht!- Ich mag es auch auch nicht", sagt sie. Die Sympathiepunkte steigen. Am liebsten möchte ich jetzt mein Smartphone in die Elbe werfen und ablegen. Gottschalk nicht und es folgt die alles entscheidende Frage, ob sich die Reise denn überhaupt gelohnt habe. Im verträumten Seglergehirn explodieren schlagartig die schönsten Bilder von fremden Ländern, anderen Kulturen, verschwiegenen Ankerbuchten, weißen Sandstränden, aber auch entbehrungsreiches Segeln im Sturm, meterhohe Wellen... Die Antwort kann nur lauten: Ja, es hat sich gelohnt.
Doch Gottschalk will auf etwas ganz anderes hinaus: "Denn reich geworden bist Du ja nicht?"

Laura ist Seglerin; reich geworden sei sie nicht, antwortet sie, sondern nur reich an Erfahrungen. "Ja, natürlich! Reich an Erfahrungen", wimmelt der Showmaster ab.

Warum soll sich dieser kurze TV-Abend jetzt gelohnt haben? Thomas Gottschalk hat die Leistung, die Welt zu umsegeln, nicht würdigen können. Behandelte sie mehr wie ein kleines Kind. Und doch: der Abend hat sich gelohnt. Denn Laura Dekker lieferte wahrscheinlich eine der schönsten Begründungen, warum man um die Welt segeln sollte: "Hinsegeln... Wenn Du dann da bist, hast Du wirklich etwas getan!"

Einfach mal die Welt etwas entschleunigen.

Und Gottschalk? Sollte vielleicht dem Moderatorkollegen Opdenhövel zuhören: "Tja, manchmal geht es auch bergab!"
 

Wer es trotzdem verpasst hat, kann es nachholen: Mittschnitt der ARD-Mediathek

 

Ein Kommentar von Kai Köckeritz

1 Kommentar

abdde
16 Mär 2012 - 13:56
...diese Lichtgestalt der deutschen Fernsehunterhaltung übertritt ja sogar leichtfüssig die Grenze zur Beleidigung, wenn er Laura Deckker eine - sinngemäss - andere mentale Ausstattung attestiert und dabei - unmissverständliche - Handbewegungen in Kopfgegend macht. Nun ja, wir Deutschen haben in der Masse bekanntermaßen für echte Leistungen keine Antenne; nur so lässt sich so manche Karriere erklären...

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