„Ein richtiger Skandal"
Im Kampf um das einzige Olympia-Ticket für die deutschen 470er-Damen attacktierte das Team Kadelbach/Belcher die Crew Lutz/Beucke in einem Fleetrace vor Perth im Match Race-Stil - eine hitzige Debatte ist entfacht.

„Endlich hat die Seglerwelt in Deutschland mal einen richtigen Skandal", kommentiert ein deutscher Top-Segler die laufende Debatte um einen Rennen bei der Segel-WM in Perth.
Es geht um das vorletzte Rennen des 470er Damen-Klassements. Zwei deutsche Teams, Kathrin Kadelbach/Friederike Belcher sowie Tina Lutz/Susann Beucke, hatten noch die Chance, das Ticket für Olympia 2012 zu lösen. Dabei standen die Teams doppelt unter Druck: Sowohl die Teilnahmeberechtigung von Deutschland als auch die einzige deutsche Teilnehmercrew mussten noch ermittelt werden.
Ob ein Land ein Olympia-Ticket erhält, entscheidet sich bei den zwei Weltmeisterschaften 2011 und 2012. Jedes Land darf pro Disziplin nur eine Crew stellen. Bei der ersten WM werden 14 Tickets vergeben, bei der zweiten noch fünf. Es können also 19 Nationen im 470er women an Olympia teilnehmen. Wer das Ticket für ein Land ersegelt, ist unerheblich - die Qualifikation eines Landes ist komplett unabhängig von der Nationen-internen Qualifikation. In Perth also mussten deutsche Seglerinnen unter den ersten 19 Nationen sein, was geglückt ist. Andernfalls hätte es eine zweite Chance in Barcelona 2012 gegeben.
Für die Nationen-interne Quali konnten die Segler Punkte bei drei Events sammeln: Der sail for gold-Regatta Weymouth, der Kieler Woche sowie der WM in Perth. Die einzige Startberechtigung bei Olympia erhält das Team mit den meisten Punkten.
Vor der WM in Perth lagen die Teams Kadelbach und Belcher sowie Lutz und Beucke eng beieinander. Erstere Mannschaft hatte 35 Punkte auf dem Olympia-Konto, letztere 33. In Perth stellte nun sich im Laufe der Serie heraus, dass Skipperin Kadelbach durch ihre Leistung keine weiteren Punkte für die nationale Quali erreichen konnte. Tina Lutz hingegen konnte sich zwischenzeitlich besser positionieren. Allein mit einem 18. Endrang hätte die Bayerin dem Nord-Team das Ticket sicher weggeschnappt.
Im vorletzten Rennen der WM griffen Kadelbach und Belcher auf das wohl letzte regelkonforme Mittel zurück, um sich den Olympia-Platz vorerst zu sichern. Sie bekämpften die Konkurrentinnen wie im Match Race, starteten zusammen als letzte und behinderten sie - im Einklang mit den Wettfahrtregeln - so, dass es Lutz und Beucke unmöglich wurde, jegliche eigene Taktik zu segeln. Zuletzt gaben die frustierten Seglerinnen auf, als der Vorsprung des Feldes zu groß wurde und nur noch der letzte Platz in Aussicht stand. Damit endeten Lutz und Beucke als 20. Team bei der WM und erhielt einen weiteren Punkt (insgesamt 34) für die Nationen-Qualifikation. Mit einem Punkt Vorsprung geht das Ticket damit an die in Perth schlechter platzierte Kadelbach.
Skurril dabei ist, dass Kadelbach und Belcher sich zwar national durchgesetzt haben, die Startberechtigung für Deutschland aber durch Lutz und Beucker mit dem 20. Rang ersegelt wurde. Dabei haben die Seglerinnen aus dem Norden sogar die deutsche Teilnahmeberechtigung aufs Spiel gesetzt - wären Tina Lutz und Susann Beucke 21. geworden, hätte es nur noch eine Chance in Barcelona gegeben.
Eine große Disskussion entfachte in den letzten Tagen um das Thema. Die allseits erörterte Frage ist dabei, ob es als unfair zu bewerten ist, ein anderes Team derart auszubremsen, auch wenn alles gemäß der Regeln verläuft. Dass die Teams gegen keine Regeln verstießen, entschied das Schiedsgericht bereits in Perth. Dabei gehen die Meinungen von „moralisch verwerflich" über „angemessene internationale Härte" zu „Vermischung von Match- und Fleetrace ist unzulässig".
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