Effizienz und Transformation?
Wir haben Gegenwind auf dem Weg nach Kopenhagen. Etwas mühsam kreuzen wir gegenan. Erinnerungen an die … Weiterlesen →
Wir haben Gegenwind auf dem Weg nach Kopenhagen. Etwas mühsam kreuzen wir gegenan. Erinnerungen an die gescheiterte Klimakonferenz vor 1,5 Jahren tauchen in meinem Kopf auf. Damals war ich mit den Klimapiraten auf der Lovis hergesegelt – und nach dem ergebnislosen Ausgang der Mega-Konferenz frustriert heimgesegelt. Wie schön nun mit einem Erneuerbaren Energien Schiff in die Stadt einzulaufen. Mit dem leisen Elektromotor surren wir an Windparks und Kraftwerken vorbei in Dänemarks Metropole.
Mit den Klimapiraten planten wir im Dezember 2009 neben dem üblichen Klimaaktivismus DONG Energy einen Besuch abzustatten. Der dänische Energiekonzern plante in Greifswald den Neubau eines Kohlekraftwerks. Klimamäßig völlig indiskutabel. Was damals als Protestaktion geplant war endete als Beglückwünschung des dänischen Energiekonzerns, denn noch während der Klimakonferenz sagte DONG den Neubau der CO2-Schleuder ab. Juchee! Was ausschlaggebend war wissen wir nicht ganz genau, sicher ist aber, dass die Kohlekraftwerke nicht in DONGs 85/15 Strategie passen. Im Jahr 2006, als DONG aus 5 kleineren Konzernen fusionierte, hatten sie einen Anteil von 15% Erneuerbaren Energien im Mix, 85% fossil. Die Anteile sollen sich bis zum Jahr 2040 wenden: 85% aus Erneuerbare Quellen, 15% fossil. Die CO2-Intensität des Mixes soll von 638 gCO2/kWh auf 100 g CO2/kWh sinken. DONG besitzt und baut einige Offshore Windparks und betreibt kleine und große fossil-Kraftwerke. Die Strategie ist, mehr in Offshore zu gehen, die kleineren Kraftwerke zu verkaufen und die größeren Kohlemeiler Stück für Stück auf Erneurbare Brennstoffe umzustellen.
Kann, was als Kohlekraftwerk gebaut wurde, zur Energiewende beitragen? Mir kommen DONG Energys Ambitionen wegzukommen von den fossilen echter vor als das was, die vier großen Energie-Ogliopolisten in Deutschland veranstalten. Der Legende nach ist der CEO von DONG – Anders Eldrup – überzeugt, dass in den Erneuerbaren die Zukunft liegt und hat dem Konzern die Richtung vorgegeben.
DONGs ganzen Stolz, das Kraftwerk Avedøre haben wir schon beim Einlaufen von vom Wasser aus gesehen. Futuristisch sieht es aus wie es da an der Ostsee liegt. Es hat schon mehrere Designer- und Architekten-Preise gewonnen. Dank Sascha und Lena von unserer dänischen Partnerorganisation Energy Crossroads sehen wir das Kraftwerk heute auch von drinnen. Es ist das erste Großkraftwerk, das wir auf unserer Energiewende-Reise besuchen.
Unser erster Eindruck von dem Kraftwerk ist der freundliche Empfang. Mads Bernitt radelt durch das Eingangstor, er wird uns heute das Kraftwerk zeigen. Die Pförtnerin erklärt uns freundlich den Weg zur Etage 22.7, die Stockwerke werden nach Höhe über dem Meeresspiegel gemessen. Dort sind die Chef-Büros mit Ausblick über ganz Kopenhagen und dort nimmt uns Mads in Empfang. Es gibt keine Kontrollen und übertriebenen Sicherheitswahn und wir dürfen von allem Bilder machen. Ganz anders als beim Besuch des AKW-Standorts Olkiluoto.
Ein modernes Kraftwerk ist Avedøre nicht nur vom äußeren Design. Es gehört auch zu den Energie effizientesten Kraftwerken der Welt. Neben Elektizität für rund 1,3 Mio. Haushalte versorgt das Kraftwerk rund 200.000 Haushalte im Großraum Kopenhagen über das Fernwärmenetz mit Wärme. Avedøre Power Plant besteht aus zwei Blöcken, einem älteren von 1990, hier wird Kohle und Öl verfeuert und einem Neuen von 2001, einer sogenannten Multibrennstoffanlage. Dadurch, dass die Hitze der Stromproduktion noch für Warmwassergewinnung gewonnen wird, kann bis zu 94% der Energie im Brennstoff verwertet werden – bei voller Auslastung und wenn die Kopenhagener genug Warmwasser nachfragen.
Zwei Warmwassertanks stehen vor dem Kraftwerk. 8 Stunden Warmwasser kann hier gespeichert werden, so muss nicht für jeden kleinen Zusatzbedarf das ganze Kraftwerk angeworfen werden. Ob strom- oder wärmegeführt gefahren wird, hängt von der Jahreszeit und der Gesamtkalkulation ab. Diese wird nicht hier im Kraftwerk gemacht: Die Trading Abteilung von DONG wägt Strom- und Warmwasserpreise, Anfahrgeschwindigkeiten, Verschleiß, Brennstoffverbrauch usw. ab um seinen Kraftwerksfahrern dann den Fahrplan mitzuteilen. Rund um die Uhre sitzen zwölf Leute im Kontrollraum vor den blinkenden Bildschirmen – das sieht noch futuristischer aus als ich es mir vorgestellt hatte.
Effizienz Effizienz Effizienz. Mads zeigt uns all die kleinen und großen technischen Finessen, die das Kraftwerk so effizient machen. Aber was nützt die Effizienz wenn der Grundbrennstoff immernoch die CO2-intensive Kohle ist? Bei den Dimensionen der nötigen CO2-Reduktion auf der Welt reicht Optimierung auf Dauer nicht aus, Transformation muss her. Da wird es beim zweiten Block interessant: Es ist eine Multifuel-Anlage in der Kohle, Holzpellets, Stroh, Öl und Natural Gas verbrannt werden.
2010 war das erste Jahr in dem der Anteil Holzpellets größer war als der Anteil verbrannter Kohle. Kohle: 32% // Erdgas: 27% // Holzpellets: 33% // Stroh: 6% // Öl: 2%
Das überrrascht mich sehr! Das ist mehr als ein bisschen Zufeuerung von Biomasse fürs grüne Gewissen und gute PR. Die Flexibilität des Kraftwerkes soll den Wechsel ermöglichen, die Menge an Energie aus Holz und Stroh soll mehr und mehr werden, Öl und Kohle reduziert werden. Für Dong Energy liegt die Zukunft in großen Holzpellets und Stroh, Heizkraftwerken in Kombination mit Windenergie. Daher wurde auch viel Wert auf hohe Flexibilität gelegt: Das Kraftwerk hat eine Mindestteillast von nur 45MW und kann von diesem Zustand in 20 Minuten auf Vollast fahren. Das ist schnell und gut geeignet um die fluktuierende Windkraft zu ergänzen.
Das Ziel den Anteil Erneuerbarer und die Flexibilität des Kraftwerks immer weiter zu erhöhen, das scheint uns durchaus im Sinne der Energiewende. Allerdings horchen wir auf, als wir hören woher die Woodpellets kommen: Baltikum, Deutschland aber auch von der anderen Seite des Atlantiks, USA und Canada. Dort wird das Holz zuerst gemahlen, zu Pellets gepresst, um dann nach Kopenhagen verschifft zu werden um hier wieder zu Staub zermalen und verfeuert werden. Ob das CO2-neutral sei kann, bei dem Energieaufwand für Transport und Verarbeitung? fragt unser Bauchgefühl. Aber die Effizienz gibts nur in so großen Dimensionen sagt der Verstand. Dann stehen wir in einer riesiegen Halle. Gut riecht es hier: Stroh. Das Stroh für die Zufeuerung kommt aus Dänemark: Die Bauern von Seeland Lolland und Falster bringen jährlich bis zu 170.000 Tonnen Stroh zum Kraftwerk. Das Stroh bliebe sonst einfach auf den Feldern liegen. Ob die Nährstoffe nun auf den Feldern fehlen? Dazu wissen wir nicht genug um das beurteilen zu können, aber wie immer bei Biomasse ist die Frage, ob hier ein Kreistlauf unterbrochen wird. Wir fragen Mads, ob der Transport mit den Lastern nicht so viel Energie verbraucht, dass mehrere kleine Strohkraftwerke näher dran an der Quelle Sinn machen würden? Mads erläutert, dass der Wirkungsgrad dann sehr viel geringer wäre, die Effizienz des Großkraftwerks, das mit so hohen Temperaturen, Drücken und Vorwärmung arbeitet, in kleinerem Maßstab nicht möglich sei. Außerdem gibt es nicht überall so eine gutes Wärmenetz wie in Kopenhagen um es mit Kraftwärmekopplung zu betreiben. Hm stimmt, bei schlechterem Wirkungsgrad von kleineren Kraftwerken bräuchte man mehr Brennstoff um auf den gleichen Strom- und Wärmeoutput zu kommen. Kann das die Transportproblematik aufwiegen?
Großkraftwerke sind effizienter, so große Maßstäbe und der Fokus auf die Effizienz bergen aber auch immer die Gefahr Nebeneffekte auszuklammern. Dann sind die Zahlen für Effizienz sehr famos, aber bezieht man Herstellung und Transport mit ein, verschlechtert sich die Bilanz. Andererseits: Eine Stadt ist ein zentraler Energieverbraucher, vielleicht braucht es dann auch zentrale Stromgeneration? So geht das die ganze Zeit auf dem Rückweg des Kraftwerkes zu unserer Maike, die in Christianshavn liegt. Hilmar, Gunnar, Insa und ich diskutieren uns die Köpfe heiß, was wir von dem DONG-Weg halten. Ich selbst frage mich ob ich zuviel meckere. Kaum meint es eine große Firma ernst damit ihren Erneuerbaren Energien Anteil zu erhöhen, findet man etwas daran zu kritisieren. Fest steht, dass uns der Kraftwerksbesuch beeindruckt hat: Die auf Effizienz gedrillte Technik, das fancy Aussehen des Kraftwerks, die Freundlichkeit und Selbstverständlichkeit mit der wir empfangen wurden, die Flexiblität des Kraftwerks um Erneurbare Einspeisung zu ergänzen und der bereits so hohe Anteil von Erneuerbarer Zufeuerung.
Mit Großkonzernen werde ich weiterhin Probleme haben, trotzdem: nicht schlecht DONG, wir hoffen Du wirst bald das fossile los, wir sind gespant auf den neuen Namen, denn DONG steht für Danisch Oil Natural Gas.
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