Bücher

Das Bücherschapp der Redaktion

Die kalte Jahreszeit naht mit großen Schritten- die richtige Zeit für ein gutes Buch. Die segeln-Redaktion hatte in Ausgabe 1/2012 ihre maritimen Lieblingsbücher vorgestellt

THORSTEN HÖGE

Natürlich war es eine Frau, die meine Leidenschaft für die See weckte. Mary hieß sie und schob ihren Bug ein bisschen unförmig durch die Wellen, ich bin mir sicher, sie wusste nichts von mir. Mary war vergeben, sie gehörte zu Seebär und reiste durch die Welt mit Seebärs Freunden Petzi, Pingo und Pelle, Seebär nahm nie die Hände aus der Hosentasche, selbst, wenn er von der Mary per Kopfsprung ein Bad nahm. Was für ein Käpt’n! Gerade entflamme ich erneut für Mary, mit meiner kleinen Tochter Mayla, die mit mir aufmerksam „Seebär und die Meerjungfrau“ und ähnliche Abenteuer erlebt.
Wenn Mayla älter wird, wartet bereits die komplette Reihe „Käpt’n Konny“ im Regal auf sie; auf einem Flohmarkt zahlte ich für Rolf Ulricis Geschichten über Konny nur ein paar lausige Euros. Als ich die Bücher als kleiner Junge auf dem Boden meines Großvaters entdeckte, war das ein Schatz, schon mein Vater hatte alle gelesen. Später spähte ich die große Bücherwand meiner Eltern entlang, die gespickt war mit allerlei langweiligen Segelhandbüchern, doch auch großartigen Weltumseglerschmökern wie denen der Kochs, die auf ihrer Kairos ein „Hundeleben in Herrlichkeit“ führten oder „Verdammt, glücklich zu sein“ waren. Mit ihren Reiseberichten schuf ich mir ein „Paradies im Stundenglas“. Bis heute geistert diese heile Weltumseglerwelt in meinem Kopf-Kino und weicht nicht, auch wenn die Realität eine andere ist. Manche Erzählungen schließt man ein ins Herz. Die Kochs und viele andere, Rollo Gebhard zum Bespiel – ja, es sind vor allem diese Reiseberichte, die ich in mir trage – weckten in dem Jungen den Drang, hinaus auf die See zu wollen und ferne Buchten zu erobern. Später, man wird älter, traut man sich an „Yachten im Orkan“ von Svante Domizlaff über das tragische Hochseerennen Sydney-Hobart 1998 oder John Rousmanieres „Sturmstärke 10“ über das Fastnet-Rennen von 1979, das so anfängt: „Dies ist eine Seegeschichte, und sie ist wahr“; die See zeigt hier ihr anderes Gesicht, und ich bekam fast Schiss in de Büx. Schnell zu einem anderen Buch gesprungen, eines mit Hoffnung. „Das Glück war Jeden Tag an Bord“ heißt es bei Diane Stuemer, die 1997 bis 2001 mit drei Kindern und Mann um die Welt segelt, eine Familiengeschichte. Ein wunderschönes Buch mit so viel Mut und Kraft. Als ich die letzte Seite zu Ende gelesen hatte, klickte ich auf die Website der Familie und las dort entsetzt, dass die Autorin ein Jahr nach Ende der Reise an Krebs verstorben war, schon in dem Buch war der Krebs Thema. Doch die Energie, die aus ihrem Bericht sprang, ist mir bis heute in Erinnerung und beweist mir den alten Satz, der abgedroschen klingt und doch oft genug nicht beherzigt wird: Nutze dein Leben. So wie ein weiterer meiner absoluten Favoriten der jüngeren Weltumseglerliteratur: „Mal Seh’n wie weit wir kommen“ von Hans Habeck, auf einer Etap 21 zu dritt um die Welt, was für eine Leistung.
Jetzt wieder ein Schwenk in die Geschichte, diesmal persönlich verwoben. Für Mittelmeer-Segler gehört zum antiquarisch Wertvollsten das Werk von Göran Schildt, dem finnisch-schwedischen National-Schriftsteller; er reiste ab 1948 als erster Segler durchs Mittelmeer, 36 Jahre lang! Auf der hölzernen Ketsch Daphne durch „Das Meer des Ikarus“, immer „Im Kielwasser des Odysseus“ und „Auf den Spuren der Argonauten“.
Die unzähligen Bücher seien "das Beste, was es zu Lesen gibt, wenn man das Mittelmeer unter Segeln erkunden will", schrieb die "Yacht" noch 2003, echte Klassiker. Die Daphne, seine neue Gefährtin, verkaufte er 1984 an meinen Schwiegervater Joachim, Schildt hätte die Daphne sonst versenkt, so wuchs meine Frau auf diesem Schiff auf. Heute liegt die Daphne in Finnland im Museum. Da wir damit so elegant den Bogen in den Norden geschlagen haben, zu guter Letzt ein weiterer Klassiker: "Das Rätsel der Sandbank" von Erskine Childers darf in keiner Bibliothek fehlen, mit "Tödliches Watt" von Sam Llewellyn findet dieser Nordsee-Klassiker übrigens eine Fortsetzung in heutiger Zeit, spannend, leider literarisch weniger anspruchsvoll.
Childers Held Carruthers bleibt nachdrücklich in Erinnerung und die dichten Bilder formen für mich bis heute die Wattenlandschaft im Geist. Und zugegeben, Dulicibella ist ein schönerer Schiffsname als Mary. Aber Mary, Du warst die Erste.

SABINE NADOLSKI

Käpt'n Konny was mein Held aus Kindertagen: Er entührte mich an fernste Gestade, in ein Leben auf dem Meer, wo mit Kameradschaft und Seemannschaft jedes Abendteuer bestanden werden konnte. Und diese fernsten Gestade lagen nicht in Karibik oder Südsee, sondern hier, erreichbar vor meiner "Haustür". Stefan Zweig: "Magellan - der Mann und seine Tat". Eine Biografie des Seefahrers und Entdeckers Maggellans, eine höchst spannend erzählte, literarische Meisterleistung. Der Protagonist und tragische Held ist der Abenteurer Fernando Magellan, der seiner "Expedition" alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt hat: Es bedeutete die erste Weltumseglung der Geschichte, die Magellan jedoch nie beendete, weil er während der Reise getötet wurde.


MICHAEL BOHMANN

Welche Segelbücher mir am meisten bedeuten? Schwer zu sagen, denn da gibt es eine ganze Reihe. Doch wenn ich so die Buchrücken der "maritimen Abteilung" meiner Regalwand betrachte, brauche ich für die Auswahl Sekunden - für vier Bücher. "Spiegel der See" des großen britischen Dichters und Romanciers Joseph Conrad (1857 - 1924), der, bevor er sich an Land als Schriftsteller niederließ, lange Zeit auf Segel- und Dampfschiffen zur See fuhr, zuletzt als Kapitän. In diesem kleinen, schmalen Büchlein reflektiert er in einer poetischen, sehr anrührenden und vielfach faszinierenden Weise seine Erinnerungen und Eindrücke dieser vergangenen Zeit der Windjammer.
"Segeln über sieben Meere" von Eric Hiscock, dem sicherlich international bekanntesten Weltumsegler und Fachbuchautor. Er segelte mit seiner Frau Susan dreimal um die Welt. Das erste Mal bereits 1952 bis 1955 auf seiner Wanderer III, einem hölzernen 30-Fuß-Langkieler der Vertue-Klasse. Dieses Lehrbuch über das Hochseesegeln erschien nach seiner zweiten Weltumseglung mit dem gleichen Boot (1970) in der vierten, vollkommen überarbeiteten Auflage - und für mich war es so etwas wie eine "Bibel der Seemannschaft". Denn damals bereiteten wir uns gerade auf unseren einjährigen Törn in die Karibik auf unserem hölzernen Oldtimer vor. Ohne die zahlreichen, wertvollen Ratschläge und das fundierte Wissen, das der Autor in seiner leicht verständlichen, klaren Sprache übermittelt, wäre unsere recht abenteuerliche Reise sicherlich nicht so glatt verlaufen.
Und selbstverständlich: "Kap Horn - Der logische Weg" des französischen Abenteurers, Philosophen und mit Literaturpreisen ausgezeichnete Einhandweltumseglers Bernard Moitessier. In diesem Buch schildert er die Reise auf seiner stählernen, rund zwölf Meter langen Spitzgatt-Yawl Joshua nach Tahiti und auf dem kürzesten ("logischen") Wege  um Kap Horn nach Frankreich zurück (Januar 1966). Moitessier liebt die See und das Leben mit ihr. Wie er dies in Worte fasst, ist ein Wechsel zwischen nüchterner Beschreibung wahrhaft gelebter Seemannschaft, sentimentaler Naturbeschreibung, bis hin zu reinster Poesie. In den "Roaring Forties" im südlichen Pazifik gerät er in einen der hier häufig auftretenden, schweren Stürme mit gigantischen Brechern. Moitessier erkennt, dass die von ihm angewandte, übliche Methode, dem Seegang zu begegnen, unweigerlich zur Kenterung führt. Er muss handeln, und mit dem Mut der Verzweiflung verstößt er gegen alle Regeln und rettet damit sein Schiff. Wie er diesen Vorgang schildert ist atemberaubend und die Art und Weise seines Handels hat mir auf meinen Törns viel Sicherheit gegeben.
"Zwei Jahre vor'm Mast" des US-Amerikaners Richard Dana beruht auf Tagebucheintragungen, die er als einfacher Seemann mit 19 Jahren während einer Reise auf der hölzernen Brigg Pilgrim 1834 von Boston um Kap Horn nach Santa Barbara verfasste. Danach entstand während seines Studiums der Seefahrtsliteratur dieser Klassiker und damit eine der wenigen genauen Beschreibungen der damaligen Seefahrt unter Segeln. Mit leidenschaftlicher Anteilnahme schildert Dana das unglaublich entbehrungsreiche Leben and Bord und die Willkürherrschaft eines sadistischen Kapitäns, dem die Mannschaft gnadenlos ausgeliefert war. Nach Veröffentlichung des Buches wurden daraufhin die Seemannsgesetze geändert und den Seeleuten unter anderem das Recht eingeräumt, sich über die Schiffsführung beschweren zu können. Für mich zählt diese spannende Schilderung einer unwiderbringlich verlorenen Zeit zu den wenigen Büchern, die ich immer wieder lesen werde.


LINA NAGEL

Meine armen Eltern. Sie segelten mit meiner kleinen Schwester und mir zu den schönsten Orten der Ostsee. Ob zwischen Hiddensee und Rügen oder in den schmalen Fahrrinnen der schwedischen Ostschären, wir Kinder hatten die Köpfe immer versenkt in - Pferdebüchern! Im Alter von zehn Jahren kam dann zumindest bei mir (meine Schwester hört zum Einschlafen noch immer Wendy-Kassetten) das Erweckungserlebnis: Mein Vater, mein Cousin Sönke und ich besuchten einen Vortrag von Rollo Gebhard  im Kieler Schloss. Fasziniert lauschte ich diesem bescheidenen, eloquenten Mann, der mit seiner jungen, schönen Frau Angelika schon über sämtliche Weltmeere gesegelt war. Zu Weihnachten bekam ich dann ein handsigniertes Exemplar von "Leinen los, wir segeln um die Welt" geschenkt. Die erste gemeinsame Reise von Rollo und Angelika Gebhard endete fast in der Katastrophe: Durchkenterung der Solveig III vor Grönland. Die Kajüte ein Chaos aus zersplittertem Glas, abgerissene Etiketten von Konservendosen, aufgeweichten Seekarten, die immer wieder die Bilgepumpe verstopften. Nach 16 Tagen in dieser chaotischen, nassen Hölle kann sich das Paar mit letzter Kraft an die Küste Neufundlands retten. Ich las und litt mit den Gebhards, bewunderte ihren Mut und wünschte mir hinterher gleich das nächste Buch, den Fotoband "Mein Pazifik".
Diesen Band brachte ich übrigens mit, als ich 2009 im Hotel Hafen Hamburg ein Interview mit dem Helden meiner Kindheit führen durfte. Rollo war älter geworden und schien kleiner zu sein, aber er sprühte noch immer genau so vor Energie, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Als ich ihn bat, mein Buch zu signieren, kam er dieser Bitte mit sehr großer Freude nach. So besitze ich jetzt zwei Bücher von Rollo Gebhard, zwischen deren Signierungen ein Viertel meines seglerischen Lebens liegt.
Den Ehrgeiz, es selbst zu probieren und niemals aufzuhören zu lernen, gab mir das Buch "Die Welt im Sturm erobert". Zugegeben - das ist kein schöner Buchtitel. Wieviel besser klingt das Original "The Maiden Voyage"! Das Buch, das Tania Aebi zusammen mit Bernadette Brennan über ihre Weltumseglung geschrieben hat, ist vielleicht keine hohe Literatur. Dennoch liebe ich es und lese es immer wieder, weil ich Tania einfach mag, diesen schweizerischen-amerikanischen Teenager mit den verückten Künstler-Eltern. Tania ist ein Punk-Mädchen, das in New York mit seinen Freunden rumhängt und nicht so recht weiß, wie es weitergehen soll. Ihr Vater, ein Lebenskünstler und passionierter Segler, stellt sie 1985 vor die Wahl - entweder aufs College gehen oder alleine um die Welt segeln. Während ihrer 27.000 Seemeilen langen Reise auf der Contessa 16 Varuna wandelt sich Tania von einem propperen Teenie zu einer sonnenverbrannten, hageren Seglerin, die noch immer in manchen Situationen Angst hat, aber sich zu helfen weiß. Sie mach jeden, wirklich jeden Fehler, den man auf einem Boot machen kann, steht Todesängste aus, wenn wieder an einer unbekannten Stelle Wasser eindringt, der Motor nicht anspringt oder draußen Stürme toben. Tanias Erfahrung beschränkt sich Beginn ihres Abenteuers auf Segeltouren mit ihrem Vater - vielleicht einer der Gründe warum ich mich mit ihr so verbunden fühle. Im Laufe des Buches emanzipiert sich Tania auch von ihren Eltern, beides dominante, exzentrische Charaktere, und findet ihren eigenen Weg ins Leben. Natürlich ist es auch die Romantik, die mich für das Buch einnimmt. Im Südpazifik lernt sie den Schweizer Olivier mit seiner Akka kennen. Viele Monate segeln sie gemeinsam, bis sich ihre Wege auf Malta trennen. Als Tania 1987 mit Varuna in New York einläuft, steht Olivier, ihr zukünftiger Ehemann, schon am Kai. Länger als die mittlerweiße geschiedene Ehe währt jedoch die Bindung zu Bordkatze Tarzoon, die Tania Aebi Dreiviertel der Strecke an Bord begleitete. Sie starb erst 2007 im biblischen Alter von 21 Jahren.
Über meinem Nachttisch gingen in den letzten Jahren unzählige Segelbücher, Chichesters "Einsam die See und der Himmel" (das ich eher für ein Männer-Buch halte), natürlich "Das Rätsel der Sandbank" von Erskine Childers, Wildried Erdmanns "Ein unmöglicher Törn" - menschliche Abgründe auf dem Atlantik, grausam-amüsant - und Jesse Martins "Lionheart", wie Tania Aebi ein junger Wilder, der ebenfalls mit 18 zur Weltumseglung aufbrach. All diese Bücher habe ich förmlich gefressen und wieder ins Regal gestellt. Nur eins liegt wie ein stummer Vorwurf seit einem Jahr neben dem Bett: Malte Phillips Einheitsklassen-Bibel "Regattasegeln". Noch immer klebt ein Post-It im ersten Kapitel "Vorbereitung". Diesen Winter lese ich es von vorn bis hinten, ganz bestimmt.


Hinnerk Weiler

Rollo Gebhard: "Ein Mann und Sein Boot
". Ein Buch, das auf See führt. Schon der Beginn seiner Reise 1975 in Regensburg weckt es dieses "will ich auch"-Gefühl in mir, obwohl ich damals Schnee an Deck und eine Binnenpassage über die Donau zum schwarzen Meer für ein Segelbuch als eher etwas untypisch empfand. Vielleicht war es dieser ungewöhnliche Einstieg in ein Abenteuer unter Segeln, der mich als Segelnovize vor allem beeindruckte. Seinen Alltag auf See stellte Gebhard konsequent mit persönlichen Höhen und Tiefen dar und vermied dabei, das Bild vom "Helden zur See" zu zeichnen. Kleinigkeiten stellen ihn im Verlauf des vierjährigen Törns sehr menschlich dar und lassen Alltägliches zu denkwürdigen Augenblicken werden. Das Rollen in den Doldrums beispielsweise: Tagelang harrt er ohne den Hauch eines Vorkommens aus und fasst die erstickende Ödnis der Wasserwüste um ihn herum mit dem Klappern des Geschirrs in der Spüle zusammen. Seine eigene Unfähigkeit, in diesem Moment Energie aufzubringen, um den fälligen Abwasch zu erledigen, blieb mir als eindrucksvollste Warnung vor diesen Regionen in Erinnerung, die ich je gelesen habe. 
Natürlich hapert es aber auch nicht an kritischen Momenten, der Zusammenstoß mit einem Frachter auf hoher See, das Versagen der Heizung im herbstlichen Nordatlantik zwischen Neufundland und Schottland und letztlich auch Stürme, die überraschend und zuweilen tagelang über sein 7,25 Meter kleines Boot hinwegfegten. Der Höhepunkt ist jedoch zweifelsohne der zweijährige Aufenthalt in der Inselwelt Polynesiens, Melanesiens und Neuguineas, dem er auch den meisten Platz im Buch einräumt. Damit weckt Rollo Gebhard das Fernweh, das auch in der globalisierten Gesellschaft von heute noch in vielen von uns schlummert.


Kai Köckeritz


Ironischerweise war ein Abend auf dem familieneigenden Boot ausschlaggebend für meine späteren Lesegewohnheiten. Ich war vier oder fünf Jahre alt und Buchstabenreihenfolgen ergaben für mich weder Sinn, noch war ich darauf erpicht sie zu entschlüsseln. Schließlich hatte ich meine Eltern, die ich zum Vorlesen zwingen konnte. Es sei denn, sie hatten keine Zeit. So wurde eines Abends der ältere Sohn eines Bekannten abkommandiert, dem Moses vorzulesen. Ich lag in meiner Koje und wartete gespannt auf die neuen Streiche eines rothaarigen Kobolds, der Angst vor dem Klabautermann hat. Nach zehn Minuten, einem halben Satz und viel Gestotter brach ich die Aktion ab: Lesen war das sicher nicht. In diesen zehn Minuten fasste ich allerdings den Entschluss, es selber besser machen zu wollen, unabhängig zu sein und mir die Bücher selbst aussuchen zu können. Zugegeben: Vorlesen kann ich bis heute auch nicht; aber in eben dieser Koje habe ich bis heute so manches Buch gelesen! Für das Auswählen der Bücher setzte ich ein einfaches, aber effektives Auswahlkriterium and: Gute, richtig gute Bücher nehme ich gerne erneut in die Hand und lese sie ohne Langeweile ein zweites, drittes oder viertes Mal. Sind mir der Plot und die Handlung erst bekannt, verstauben andere Bücher oft im Regal. So fiel es mir auch nicht schwer, ein Buch anhand meines Kriteriums auszuwählen. Doch muss ich eingestehen, dass es sich nicht nur um eines handelt, sonder um knapp 6.000 Seiten, aufgeteilt auf 20 Bände: Der Aubrey-Maturin-Kanon des britischen Schriftstellers Patrick O'Brian.
"Ich navigiere selbst. Darf ich ihnen and Bord helfen? Stellen sie einen Fuß auf diesen kleinen Tritt - und dann hievho! Jetzt noch das Plaid, wir machen es achtern fest, and diesen Klampen. Alles shipshape? Loswerfen vorn!", rief er dem Gärtner zu, der das Pferd hielt.
Die Romane beginnen pünktlich im Jahr 1800 im Mittelmeer auf Menorca mit einer Auseinandersetzung zwischen dem jungen Marineoffizier Jack Aubrey und dem Artzt Steohen Maturin. Trotz des schlechten Starts entwickelt sich eine enge Freundschaft, als Jack den mittellosen Stephen als Schiffsarzt anheuert. Auf unzähligen Schiffsreisen erleben die beiden so ziemlich alle Unwägbarkeiten der christlichen Seefahrt. Von Schiffbruch über Kollisionen, Skorbut und erbitterte Kämpfe bis hin zu Frauen an Bord.
Mit 16 fing ich an die Romanserie zu lesen und schon in diesem Alter gab es für mich nichts Schöneres, als auf einem Segelboot zu sitzen und von der Ferne zu träumen. Über Navigation, geschweige denn Seemannschaft, habe ich mir keine großartigen Gedanken gemacht. In Zeiten von GPS und Mobiltelefonie war navigieren mit Zirkel, Dreieck und Kompass doch nur noch eine kuriose Nautiquität. Zusammen mit den Protagonisten des Buches entwickelte auch ich mich weiter. Die Männer, die ihr ganzes Leben zur See fuhren, flößten mir ungemeinen Respekt ein. Seemannschaft war für die Männer eine Notwendigkeit, um Überleben zu können. Heute ist die Segelschifffahrt eine Freizeitbeschäftigung: damals ein gefährlicher Beruf ohne verklärte Romantik. Hier werden vor dem Essen die Maden aus dem Zwieback geklopft und die Ratten meistbietend verkauft, um als 'Müller' gegessen zu werden. O'Brien hat es in seinen Büchern geschafft, Seemannschaft in ihrer vollen Blüte darzustellen und bis in unsere Zeit hinein zu konservieren. Und ich entdeckte nebenbei, dass Navigieren nicht nur Wegpunkte abfahren sein kann, sondern weitaus mehr dahinter steckt.
Einige nautische Geheimnisse bleiben dem Leser wahrscheinlich auf ewig verschlossen. Bis heute rätsele ich was "Bagien Bauchgordings" sind oder was ich mit "Bentickischen Wanten" anfangen könnte. Mittlerweiße kann ich mich in dem Dschungel aus Eselshäuptern, Fußpferden, Judasohren und Hundsfötten relativ sicher bewegen und weiß, dass es "dwars gespleißte Schamkissen" nur in Fantasie des Stephen Maturin gibt, der auch nach 20 Bänden nicht in das seemännische Leben und ihre Begriffe eingefunden hat.
"Riemen ins Boot", sagte Jack. "Und jetzt ans Fall - nein, ans Fall! Hilf, Himmel - an die Leine dort. Hiev weg, hiev weg. Zieh daran, Stephen, Zieh! Und jetzt belegen. Schling die Leine ein paar Mal und die Klampe da- um die Klampe!"
Nicht nur die liebevolle Beschreibung des Lebens and Bord machen die Bücher lesenswert. Auch die Fähigkeit O'Brians, den Menschen und den Alltag mit seinen Problemen und Vorzügen in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen, macht die Romane so grandios. Mögen sich die Zeiten auch ändern, der Mensch ändert sich nicht. O'Brian konfrontiert uns mit unserem eigenen Leben, und wahrscheinlich finden wir uns alle, ob Seemann oder nicht, in seinen vielschichtigen Charakteren wieder.
Herausragend ist auch der tiefschwarze, britische Humor, der immer wieder zwischen den Zeilen aufblitzt. Beispielsweise das alkoholkranke Faultier "Lethargy", der zuerst den Rum des Kapitäns austrinkt, in Brasilien von Borg gehen muss und in die Obhut eines Klosters gegeben wird, nur um sich dort gemütlich am Messwein zu laben. Ein immer wiederkehrendes Thema ist der Aberglaube der Seemänner: Tagelang trauen sich die Matrosen etwa nicht unter Deck, weiß angeblich ein Gespenst in der Brotlast gesichtet wurde. Erst mit Feuerwehrkörpern kann das Gespenst schließlich durch Stephen vertrieben werden.
Bei der Lektüre nicht zu schmunzeln ist unmöglich. Zum Ende noch mein persönliches Lieblingszitat, das mir erst im zweiten Durchgang die Tränen in die Augen trieb:
"Sie segelt bemerkenswert trocken", sagte er zu Stephen, der an Deck gekrochen kam, weil er lieber an der frischen Luft sterben wollte.

Gerald Sinschek

Jimmy Cornell: "Sehnsucht nach der See"
Auf der boot 2010 in Düsseldorf war die Weltumsegler-Legende Jimmy Cornell zu Gast auf dem Stand von segeln. Beeindruckt von dem charismatischen, wettergegerbten Jimmy begann ich gleich nach der Messe sein Buch "Seensucht nach der See", das er mir als signiertes Exemplar schenkte, und inhalierte es förmlich. Begonnen bei der bewegenden Schilderung der Jugend und Familiengeschichte - er wuchs in Rumänien auf und erlebte die Schrecken des zweiten Weltkriegs - schilderte Cornell plastisch und mitreißend seinen Werdegang zur See. Sein Buch ist jedoch mehr als ein Reisebericht, sondern eine Seemannschaft des Blauwassersegelns. So gibt Cornell zahlreiche praktische Tipps zur Technik and Bord, etwa was Rigg und Rumpftyp betrifft. Dabei stilisierte er sich nicht zum Blauwasser-Guru, sondern gesteht völlig ungeeitelt seglerische Fehler und Unzulänglichkeiten ein. Cornell lernt tieferen Fatalismus, der für das Weltumsegeln unerlässlich ist und der ihm auf seinen Segelreisen oft hilft. Am Ende der Kapitel sind jeweils praktische Tipps zusammengestellt. Was Jimmy Cornells Buch auch dem Nicht-Segler zeigen kann: Wer zuviel abwägt, wird seine Träume nie verwirklichen können. Einfach machen und schauen was kommt!

 

Eine kleine Fortsetzung unserer Auflistung haben wir hier zusammengestellt.


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